Ein tiefer Schock

Eingepfercht… [Bild: Niklas Doka, Tansania, 09/2016]

Nachdem ich in meinem Stammhotel Kibadamo eingecheckt habe, laufe ich die kurze Strecke bis zum Ubungo Busbahnhof und kaufe mir für den nächsten Tag, dass für mich zurückgelegte Busticket nach Mbinga. Daressalam ist teuer und ich muss gut kalkulieren, da ich meinen Aufenthalt in Tansania aus meinen Ersparnissen finanziere. Die Safari-Touren, die ich mit meinen Gästen bisher gemacht habe, sind nicht nur anstrengend, sondern auch sehr kostspielig für mich. Da ich in diesem Land auch immer wieder befürchten muss, kein Bargeld abheben zu können ist dies auch jedes Mal ein zusätzliches „finanzielles Abenteuer“. Ohne Moos ist hier auch nix los! Völlig im Eimer, esse ich um die Ecke gutes Straßenessen und ziehe mich danach umgehend auf mein Hotelzimmer zurück.

Trotz Müdigkeit schaffe ich es wieder einmal den Bus nicht zu verschlafen. Unvorstellbar, jedenfalls für mich, kommt der Bus doch tatsächlich noch eine Stunde später als gewöhnlich, nachts um halb drei, in Mbinga an. Diesmal holt mich keiner vom Busbahnhof ab. Um meine Haushaltskasse zu schonen nehme ich mir, gegen Mary‘s Rat, ein Motorradtaxi statt eines Autotaxis und lass mich zum Haus der Familie Mawalla bringen.

Der nächste Tag verheißt nichts gutes. Erst versetzt mich Daniel und dann muss ich mir im Hause der Familie Mawalla Schauergeschichten über meine Person anhören. Martin und ein anderer Priester der Kirchengemeinde in Mbinga teilen mir nach dem Frühstück ganz im „vertrauen“ mit,  dass sie mich warnen müssten.

Hierzu ein kurzer Rückblick. 1996 ist Bischof Shauri in Ruhestand gegangen und es wurde ein neuer Bischof für die Diözese von Ruvuma gewählt. Überraschend gewann nicht Dr. Samuel (Sam) Ndimbo sondern Maternus Kapinga die Bischofswahl. Wie durchaus üblich bei Amtswechseln wurden alte Priester entlassen oder versetzt, so auch die beiden Priester die mir gerade gegenübersitzen. Beide waren ehemals Priester in der anglikanischen Kirche in Liuli und haben ihre „Verbannung“ nie wirklich verkraftet. Kurzum, beide traten aus der Diözese „Anglikana Dayosisi Ya Ruvuma“ aus und bildeten ihre eigne Kirchengemeinde, die „untere anglikanische Kirche“ in Mbinga. Die meisten ihrer Kirchenmitglieder kommen ursprünglich aus der Region um Liuli, bis hin zu dem nördlich gelegenen Ndingine. Da das St. Anne‘s Krankenhaus und die St. Paul‘s Secondary School in Liuli auch unter Bischof Kapinga‘s Einfluss standen und es Gerüchte gab, dass dieser die Spendengelder der Friends of St. Anne‘s aus England „zweckfremd verwenden“ würde, bildeten deutsche Ärzte einen gleichnamig Verein in Deutschland. Diese leiten ihre Sach- und Geldspenden über Daniel und Samuel Ndimbo weiter, um so die Existenz des Krankenhaus zu sichern. 

Zurück zur Märchenstunde: Beide Priester berichten mir, dass sie von ihren Kirchenmitglieder, welche für die Regierung arbeiten, erfahren haben, dass man meine Aktivitäten in Ndingine seit längerem genauestens verfolgt werden. Ich sei in höchster Gefahr, so beide weiter, da ich ohne Arbeitsvisum agiere und man mich verdächtigen würde Spendengelder in Höhe von 75.000 € veruntreut zu haben. Beamte der Regierung würden seit geraumer Zeit mein Konto und meine Website überwachen und hätten eignes hierfür Zugang zu all meinen Passwörtern, so Martin und sein Kollege weiter. Die spinnen doch die…..!

Ein Schock für mich? Nein nicht wirklich! Mittlerweile habe ich gelernt nicht alles für bare Münze zunehmen. Verleumdung, Missgunst, Habgier und Neid gibt es überall auf der Welt, so auch hier in Tansania. Eine Sache macht mich allerdings doch nachdenklich. Beide sagen, dass ich Gefahr laufe bald in einem tansanischen Gefängnis zu landen. Falls ich wirklich in Gefahr bin, muss ich unbedingt aus dem Land. Aber ich will keine voreiligen Entschlüsse fassen und reise deshalb, ohne mir meinen Unmut anmerken zulassen, noch am gleichen Tag mit dem Bus nach Liuli.

Es hat seit Monaten nicht mehr geregnet, sodass das Land völlig ausgetrocknet ist. Dies hat wiederum zur Folge, dass ich während der sechsstündigen Busfahrt gefühlt tonnenweise reinsten roten Staub fresse. Wenn ich nicht gerade mit staubschlucken beschäftigt bin, nutze ich die Fahrt um mir Gedanken über meine weitere Zeit in Tansania zu machen. Am späten Nachmittag komme ich in Liuli an. János rufen einige bekannte Gesichter und meine Laune schlägt direkt wieder ins positive um. In Liuli ist scheinbar alles wie eh und je. Wenn ich etwas in Tansania gelernt habe, dann ist es, dass es selbst für das größte Problem eine Lösung gibt. Deshalb werde ich erst einmal mit meiner Familie und mit Daniel und Sam die aktuelle Situation und die nächsten Schritte in aller Ruhe besprechen. [JZ, 10/2016]